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Locarno-Sieger Wang Bing: «Wahrheit des Lebens»

Kompromisslos

70. Filmfestival Locarno -Wang Bing
Geschrieben am 13. August 2017

Peking (dpa) - Der chinesische Regisseur Wang Bing gilt als einer der herausragenden Dokumentarfilmer des Landes. Auf dem Filmfestival in Locarno hatte der Filmemacher so wenig mit dem Goldenen Leoparden gerechnet, dass er zur Verleihung nicht einmal eine Dankesrede vorbereitet hatte.

Der Preis für seinen Film «Mrs. Fang» über das Sterben einer an Alzheimer erkrankten Frau kam auch für Kritiker überraschend, da seine Filme keine leichte Kost sind. Wang Bing ist bekannt für seinen «gewöhnlich auf das Wesentliche beschränkten, kompromisslosen Stil», so das Hollywood-Magazin «Variety».

Die Auszeichnung sei ihm «eine große Ehre», sagt Wang Bing später in einem Interview, das die Organisatoren veröffentlichten. «Ich möchte es gerne als den Start meiner zukünftigen Projekte ansehen», sagt der Regisseur, der 2004 mit seinem Kinodebüt «Tie Xi Qu: West of the Tracks» bekannt wurde. Über neuneinhalb Stunden schildert der dunkle Dokumentarfilm den Niedergang der staatlichen Schwerindustrie im Nordosten, dem chinesischen «Ruhrgebiet».

Locarno sei eine großartige Plattform für künstlerische Filme, weil die Besucher jedem einzelnen Film große Aufmerksamkeit schenkten, findet Wang Bing. Er hofft, dass seine Filme dank des Preises jetzt in mehr Ländern gezeigt werden. «Das Wichtigste für mich ist, dass meine Dokumentationen die Wahrheit des Lebens widerspiegeln.» Das sei das Ziel dessen, was er tue: «Die Wahrheit hinter der Realität finden.»

In China sei es wegen der Zensur sehr schwierig, Geldmittel für unabhängige Filme zu finden. Da die Kosten für fiktionale Filme sehr hoch seien, habe er Dokumentationen gewählt, die ihm mehr Freiheit böten. «Außerdem erlebt China im Moment einen schnellen wirtschaftlichen Wandel, aber seine Politik ist eher konservativ, und der Existenzraum einfacher Leute in der heutigen Gesellschaft nimmt zunehmend ab.» So sei Dokumentation für ihn die «expressivste Form dieser Epoche», sagt Wang Bing.

Der 1967 in der Provinz Shaanxi geborene Regisseur gehört zu der Generation von Filmemachern, die von der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 in China beeinflusst wurde. «Er konstruiert alternative, bildfokussierte Narrative, die den etablierten Diskursen über das heutige China zuwiderlaufen und minutiös die schwierigen sozioökonomischen Lebensbedingungen in einem autoritären Regime beleuchten», heißt es in der Vorstellung einer Retrospektive zu seinem Werk auf der laufenden documenta in Kassel.

Mit minimalem Aufwand, aber höchster Intimität filmt Wang Bing - dank der modernen, einfachen digitalen Kameras in schwierigen Situationen. Sei es im Erdloch eines Namenlosen (Man with no Name) von 2010 oder in einem Bergdorf mit den «Drei Schwestern» (Three Sisters): Von der Mutter verlassen, ebenso vom Vater, der als Wanderarbeiter in der Stadt nach Gelegenheitsjobs sucht, sind die zehn, sechs und vier Jahre alten Mädchen auf sich allein gestellt, da sich auch Verwandte nicht wirklich um sie kümmern. 2012 gewann Wang Bing damit den Orrizonti-Preis beim Filmfestival in Venedig.

Nah dran und knallhart dokumentiert er die gesellschaftlichen Außenseiter und Verlierer des schnellen wirtschaftlichen Wandels, die nicht ins Bild des modernen Chinas passen. «Ich filme meist gewöhnliche Menschen», sagt Wang Bing. Der traditionellen chinesischen Gesellschaft seien sie egal. «Sie leben wie Ameisen in jeder Ecke der Gesellschaft, aber wir hören nie ihre Stimmen.»

Interview auf Filmfestival

Wang Bing auf documenta

IMDb

Filmfestival Locarno

Variety


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