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«Human Flow»: Ai Weiwei und seine Flüchtlings-Dokumentation

Mammutprojekt

Human Flow
Geschrieben am 11. November 2017

Berlin (dpa) - Mit zahlreichen aufsehenerregenden Aktionen hat Ai Weiwei bereits auf die Schicksale von Flüchtlingen aufmerksam gemacht. So stellte der chinesische Künstler - sehr umstritten - das Foto eines toten syrischen Jungen an einem griechischen Strand nach und eröffnete kürzlich in New York eine große, öffentliche Ausstellung zum Umgang westlicher Länder mit Migration.

Überhaupt sind die Krisen der vielen Heimatlosen und Entwurzelten derzeit das beherrschende Thema in Ais Leben, wurde doch auch er in China verfolgt und lebt seit 2015 fern seiner Heimat in Berlin. Nun hat er über die weltweiten Flüchtlingsströme auch seinen ersten Film gedreht, die Dokumentation «Human Flow».

Darin will Ai nicht auf die Geschichte eines Flüchtlings oder auf einen einzelnen Krisenherd fokussieren. Stattdessen versucht der 60-Jährige in «Human Flow», die Katastrophe in ihrem globalen Ausmaß zu erfassen. Er zeigt, wie Flüchtlinge aus Nordafrika auf dem Mittelmeer gerettet werden und zitternd unter goldfarbenen Wärmedecken hocken. Wie Menschen in einem Zeltlager in der Türkei für Essen anstehen und wie verzweifelt andere an der geschlossenen griechisch-mazedonischen Grenze auf eine Weiterreise hoffen.

Es ist ein Mammutprojekt, für das Ai sein Team in mehr als 20 Länder schickte. Nach Griechenland und in den Gazastreifen, nach Kenia, Serbien, Mexiko und Indonesien, nach Berlin und Calais. Besonders eindrucksvoll sind dabei die Aufnahmen aus der Luft, wenn Drohnenkameras die enormen Dimensionen einfangen: wie riesig so ein Zeltlager irgendwo in der staubigen Wüste ist, wie viele Menschen zu Fuß durch Osteuropa laufen oder wie ein einzelnes Schlauchboot wie eine Nussschale auf dem riesigen Mittelmeer hin und her schwankt.

Es sind dann auch diese teilweise fast abstrakt und poetisch anmutenden Bilder, die nach Filmende am prägnantesten nachwirken. Ansonsten aber enttäuscht «Human Flow». Denn die Dokumentation bleibt seltsam an der Oberfläche. Der Film springt zwischen den Orten hin und her, und der Erkenntnisgewinn bleibt gering, zumindest für diejenigen, die die Nachrichtenbilder hierzulande verfolgt haben.

Nur in wenigen Momenten erfährt man Konkretes über individuelle Flüchtlingsschicksale. Aber auch was die Ursachen und Folgen dieser Krisen sind, das reißt Ai - trotz einer Länge von 140 Minuten - nur kurz an. Dazwischen schneidet er Mini-Interviews mit Helfern und blendet immer wieder Zeitungs-Schlagzeilen ein. So entsteht zwar ein Mosaik der vielen Schicksale und Krisen, doch irgendwann rauschen die Zahlen, Schauplätze und Krisen an einem vorbei.

Hinzu kommt, wie Ai sich selbst inszeniert und filmen lässt. Mal hilft er einem Flüchtling vom Boot, mal läuft er durch eines der vielen desolaten Lager, mal lässt er sich die Haare abschneiden.

Doch diese Szenen lenken nicht nur von dem eigentlichen Thema des Films ab, sondern stören teilweise regelrecht. An einigen Stellen wird diese Selbstinszenierung sogar besonders ärgerlich, etwa wenn er eine Frau interviewt, die schluchzend zusammenbricht. Obwohl sie sich bewusst von der Kamera abwendet, gönnt ihr Ai minutenlang keine Privatsphäre - sondern bekommt stattdessen selbst ein paar Papiertücher herangereicht, die er der Frau herüberreicht, während die Kamera weiterläuft. Würde wirkliche Empathie nicht anders aussehen?

So bleiben bei «Human Flow» schließlich ein fahler Beigeschmack und das Gefühl, dass der Film den Flüchtlingen trotz viel Engagements nicht gerecht wird. Wenig verwunderlich war es dann auch, dass das Werk beim Filmfest Venedig, wo es im Herbst Premiere feierte, von der internationalen Jury mit keinem einzigen Preis bedacht wurde.

Human Flow, Deutschland 2017, 140 Min., FSK ab 6, von Ai Weiwei

Human Flow


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