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«Freiheit»: Kinokunstwerk mit Johanna Wokalek

Schluss mit dem Familienleben

"Freiheit"
Geschrieben am 5. Februar 2018

Berlin (dpa) - Darf sie das? Einfach alles hinter sich lassen: Job, Kinder, Ehemann. Aus der Wohnung gehen, die Tür schließen - und nicht mehr wiederkommen. Nora wählt diesen Weg.

Die Gründe dafür erfahren die Zuschauer nur ansatzweise. «Ich war lange genug im Gefängnis», sagt Nora, einst als Anwältin schwer beschäftigt. Der Film «Freiheit» konzentriert sich auf das, was nach ihrem Verschwinden passiert.

Da ist auf der einen Seite Nora: zerrissen, auf der Suche, mal glücklich, mal weinend. In Wien landet sie nach einem Flirt an der Supermarktkasse mit dem jungen Mann im Bett. Es treibt sie nach Bratislava, neue Frisur, neue Freunde trotz Sprachbarriere, ein Job zum Über-die-Runden-Kommen. Doch das Glück findet sie hier auch nicht.

Auf der anderen Seite Philip: Seit dem Verschwinden seiner Frau managt er das Familienleben mit den beiden Kindern, hat sich einen Bart wachsen lassen. Beruflich ist auch er Anwalt, soll einen Jugendlichen verteidigen, der einen Afrikaner zusammengeschlagen hat. Das Opfer liegt jetzt im Koma - und ist so etwas wie Philips Kummerkasten.

Johanna Wokalek und Hans-Jochen Wagner spielen die beiden Hauptrollen überzeugend in ihrer Verzweiflung, in ihrer Hoffnungslosigkeit. Während Nora die Freiheit sucht und ihren neuen Bekannten fragt: «Hast du dir schonmal gewünscht, einfach weg zu sein?», bindet ihre Abwesenheit Philip in all seiner Einsamkeit umso mehr an feste Regeln und Aufgaben. Die Tochter entdeckt seine neue Liebschaft. Doch: Beim Spiel der Hände nach dem Sex wird deutlich, wie ähnlich sich die nun getrennten Eheleute in mancher Hinsicht sind.

Überhaupt ist das Werk von Jan Speckenbach gespickt mit bildstarken Eindrücken und Querverweisen. Erinnerungen an die Ehefrau und Mutter werden in überzeichneten Farben wie auf einer durchsichtigen Folie über das eigentliche Bild gelegt. Noras Abgang wird unterlegt mit Friedrich Rückerts Gedicht «Ich bin der Welt abhanden gekommen». Darin heißt es: «Ich bin gestorben dem Weltgetümmel.» Treffender könnte Nora wohl selbst nicht ihre Gefühle beschreiben.

Auch der Name der Hauptfigur kommt nicht von ungefähr. Speckenbach nennt die Wahl eine «Verneigung» vor Henrik Ibsen. Von ihm erschien 1879 das Drama «Nora – Ein Puppenheim». Auch dort verlässt eine Frau ihre Familie. Ein Tabubruch - damals wie heute. «Meine Nora ist auf eine Art nochmal radikalisiert, weil sie sich nicht rechtfertigt oder äußert, sie handelt lediglich», sagt der Autor und Regisseur. «Sie begründet sich weder vor ihrer Familie noch vor dem Zuschauer.» Und er wirft einen interessanten Randaspekt auf: «Ein Mann hätte weniger Kritik auszustehen. Dass man es Frauen nicht zubilligt, immer noch nicht, ist eine der Ungerechtigkeiten des Patriarchats.»

Nora nimmt sich Freiheit auf eine Art und Weise, die gesellschaftlichen Normen widerspricht. Egoistisch, könnte man sagen. Oder leichtsinnig. Ihre Sehnsucht, einfach mal aus allem - auch aus allen Konventionen - ausbrechen zu wollen, entspricht aber wohl einem Wunsch, den viele im Kleinen nachvollziehen können. Auch andere provokante Fragen wie «Wer kann schon von sich behaupten, wirklich zu lieben», die sie eigentlich an Philip richtet, stellt sie gewissermaßen auch dem Zuschauer. Das regt zum Nachdenken an.

Freiheit


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